Maßnahmen gegen Wüstenbildung
Die Wüste zurückdrängen und degradierte Böden heilen
Desertifikation ist kein unabwendbares Schicksal. Die Natur besitzt eine erstaunliche Regenerationskraft, wenn wir ihr die richtigen Werkzeuge an die Hand geben. Entdecken Sie die vielfältigen Maßnahmen der Anti-Desertifikation: vom cleveren Wassermanagement über Agroforstwirtschaft bis hin zu riesigen Schutzgürteln (Shelterbelts).
Das Prinzip der Anti-Desertifikation (Earth Healing)
Die systematische Bekämpfung der Wüstenbildung, oft als Anti-Desertifikation oder Land Degradation Neutrality (LDN) bezeichnet, zielt darauf ab, den Boden zu erhalten und die Lebensgrundlage von Mensch und Tier nachhaltig zu sichern . Dies ist auch in den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Agenda 2030) fest verankert, insbesondere im Ziel 15, das explizit fordert: “Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren”.
Die Maßnahmen, die ergriffen werden können, sind so vielfältig wie die Ursachen selbst. Einige traditionelle Techniken, die fast in Vergessenheit geraten waren, wurden in den letzten Jahrzehnten erfolgreich wiederentdeckt und weiterentwickelt. Das Grundprinzip lautet immer: Den Oberflächenabfluss von Wasser stoppen, Winderosion verhindern und die schützende Vegetation wiederherstellen.
Intelligentes Wassermanagement: Die Basis jeder Heilung
In Trockengebieten fällt Regen oft nur in Form von kurzen, extrem heftigen Starkregenereignissen. Auf degradiertem Boden fließt dieses Wasser oberflächlich ab und spült die letzte fruchtbare Erde weg. Die wichtigste Maßnahme ist daher die Oberflächenabflussminderung.
Diguettes (Erosionsschutz durch Erdwälle)
Diguettes sind eine sehr einfache, kostengünstige und schnelle Schutzmaßnahme, die besonders in der afrikanischen Sahelzone erfolgreich eingesetzt wird. Es handelt sich um niedrige Erdwälle oder Steinreihen, die entlang der Höhenlinien gebaut werden. Sie vermindern die Bodenerosion durch Oberflächenabfluss nach starken Regenfällen massiv. Der Vorteil: Sie erfordern kaum Fachkenntnisse und schützen den Boden vor dem Austrocknen. Der Nachteil ist der relativ große manuelle Personalaufwand beim Bau.
Oberflächenabflussminderung durch Gräben und Terrassierung
- Gräben (Swales): Eine fast überall anwendbare Maßnahme bei flachem und hügeligem Gelände. Der Oberflächenabfluss wird durch viele kleinere und größere Gräben aufgehalten. Das Wasser läuft nicht ab, sondern wird ins Erdreich abgeleitet. Dies verringert die Verdunstung und füllt die Grundwasserspeicher wieder auf. Ein bemerkenswertes Erfolgsprojekt hierfür wurde von der Paani Foundation in Indien umgesetzt [1].
- Terrassierung: Ähnlich wie bei Gräben werden hier steile Hangbereiche in Stufen umgewandelt. Dies verhindert den Abfluss, macht die Flächen für die Landwirtschaft nutzbar und fördert die Aufforstung enorm. Eines der bekanntesten und erfolgreichsten Projekte dieser Art ist die Regeneration des Loess Plateaus in China. Der Nachteil: Es erfordert schwere Maschinen, hohe Investitionskosten und großes planerisches Fachwissen [1].
Der Bau von Dämmen und Sanddämmen
- Konventionelle Dämme: Das Aufschütten von Dämmen (z.B. mit Planierraupen) ist eine schnelle Methode, um große Wassermengen zu speichern. Wichtig ist ein richtig dimensionierter Überlauf, damit der Damm nicht zu schnell versandet. Ein massives Problem in heißen Gebieten ist jedoch der Wasserverlust: Ein Damm verliert durch Versickerung und Verdunstung oft 1 bis 2 cm an Wasserhöhe pro Tag.
- Sanddämme: Dies ist das genaue Gegenteil. Ein Sanddamm (meist aus Stahlbeton oder Bruchsteinmauerwerk) wird in trockenen Flussbetten ohne Überlauf gebaut. Sein Ziel ist es, so schnell wie möglich zu versanden. Der grobe Sand hinter der Mauer hat eine Wasserspeicherkapazität von 25 % bis 40 %. Der gigantische Vorteil: Das gesamte Wasser ist in den Poren des Sandes sicher vor der extremen Sonneneinstrahlung (Verdunstung) gespeichert.
Vegetationsaufbau und Windschutz
Sobald das Wasser im Boden gehalten wird, muss die Vegetation wieder aufgebaut werden, um den Boden vor äolischen Prozessen (Winderosion) zu schützen.
Mechanische Sandfixierung (Stroh-Schachbrettmuster)
In stark degradierten Trockengebieten reicht Vegetation allein oft nicht aus, da junge Pflanzen durch Wind sofort wieder zerstört werden. Deshalb werden zunächst mechanische Maßnahmen eingesetzt, um den Boden zu stabilisieren und die Grundlage für eine spätere Begrünung zu schaffen.
Eine der effektivsten Methoden ist das sogenannte Stroh-Schachbrettmuster, das vor allem in China an den Rändern der Wüste Gobi eingesetzt wird. Dabei werden halb eingegrabene Strohstreifen in einem rasterförmigen System angeordnet.
Diese Struktur erfüllt mehrere entscheidende Funktionen:
- Sie reduziert die Windgeschwindigkeit direkt am Boden erheblich
- Sie verhindert die Verlagerung von Sand durch Winderosion
- Sie speichert Feuchtigkeit und verbessert das Mikroklima
- Sie schafft stabile Bedingungen für die Ansiedlung von Pflanzen
Studien zeigen, dass der Sedimenttransport und die Windgeschwindigkeit dadurch um bis zu 64 % bis 99 % reduziert werden können.
Diese Methode ist besonders effektiv, da sie sofort wirkt und vergleichsweise kostengünstig umgesetzt werden kann. Sie bildet häufig die erste Phase großer Renaturierungsprojekte und wird anschließend mit Vegetationsmaßnahmen wie Aufforstung oder Windschutzstreifen kombiniert.
Aufforstung und Zai-Löcher (Pflanzgruben)
- Aufforstung: Das bloße Pflanzen von Bäumen hat in Trockengebieten oft eine erschreckend niedrige Erfolgsquote (teilweise nur 10 % wie bei einigen Abschnitten der afrikanischen “Great Green Wall”). Es erfordert tiefes Fachwissen über lokale Arten und ständige Pflege.
- Zai-Löcher (Pflanzgruben): Eine effektivere, aber sehr arbeitsintensive Methode (450 bis 600 Stunden pro Hektar). Dabei werden kleine, mit Kompost angereicherte Löcher gegraben, in die gepflanzt wird. Sie fangen Wasser auf und stellen die Bodenfruchtbarkeit lokal wieder her.
Agroforstwirtschaft
Ein System, das weltweit eingesetzt wird: Die Kombination von Bäumen, Gräsern und Sträuchern mit landwirtschaftlicher Nutzung. Die Bäume verbessern das Mikroklima und schützen vor Sonne, Wind und Starkregen. Man unterscheidet drei Systeme:
- Silvoarable Systeme: Bäume kombiniert mit Ackerkulturen.
- Silvopastorale Systeme: Bäume kombiniert mit Tierhaltung.
- Agrosilvopastorale Systeme: Bäume kombiniert mit Ackerbau und Tierhaltung.
Windschutzstreifen (Shelterbelts) und Desert Shelterbelts
- Windschutzstreifen: Lange Streifen aus Bäumen, Hecken oder bis zu 50 m breiten Waldstreifen. Sie schützen den Boden vor Deflation (Auswehung) und Austrocknung. Sie reduzieren Windgeschwindigkeiten, senken Ernteausfälle durch Stürme und schaffen Biodiversität.
- Desert Shelterbelts: Diese gigantischen Schutzgürtel sollen die tatsächliche Ausbreitung der Wüste aufhalten (“die Wüste einfangen”). Ein extrem erfolgreiches Beispiel ist das Schachbrettnetz aus Stroh und Buschreihen an der Grenze zur Wüste Gobi in China. Der Sedimenttransport durch Winderosion und die Windgeschwindigkeit können dadurch um 64 % bis 99 % abnehmen. Solche Megaprojekte (wie auch die “Great Green Wall” in Afrika) erfordern jedoch gewaltige Investitionen und transnationale politische Stabilität.
Nachhaltiges Landmanagement und Kontroversen
Alle technischen Maßnahmen verpuffen, wenn die Art der Landnutzung nicht geändert wird.
Holistic Management (Die Savory-Methode)
Ein von Allan Savory entwickelter, aber in der Wissenschaft kontrovers diskutierter Ansatz. Die Idee: Das Herdenverhalten von Wildtieren wird durch Nutztiere nachgeahmt. Die Rinder werden in extrem dichten Herden gehalten und ständig weitergetrieben. Sie grasen eine kleine Fläche intensiv ab, lockern den Boden mit den Hufen und düngen ihn. Danach hat die Fläche monatelang Zeit, sich zu erholen, ohne überweidet zu werden. Feldbeobachtungen in Namibia zeigen oft eine deutliche Zunahme der Vegetation und der Wildtierpopulationen durch diese Methode.
Möglichkeiten z.B. im Khomashochland (Namibia)
Für Gebiete wie das namibische Khomashochland gibt es keine pauschale Einzellösung. Es bedarf einer intelligenten Kombination:
- Bau von Sanddämmen in bisher unerschlossenen Einzugsgebieten.
- Optimierung bestehender Dämme durch Terrassen und Gräben im Einzugsgebiet.
- Kombination aus Aufforstung und Zai-Löchern (Pflanzgruben), um die Überlebensrate der Bäume zu sichern.
Integration des Holistic Management in den regulären Farmbetrieb, da dies oft die kostengünstigste und am schnellsten umzusetzende Maßnahme ist.
Grenzen und der Einsatz von GeoAI
Die Umsetzung dieser Maßnahmen auf tausenden Hektar Land ist logistisch und planerisch extrem komplex. Ohne genaue Kenntnis der Bodenbeschaffenheit, der Fließrichtungen des Wassers und des lokalen Mikroklimas können teure Dämme brechen oder Aufforstungen verdursten.
Deshalb setzt die NWF zunehmend auf modernste Technologie wie GeoAI (Geospatial Artificial Intelligence) und Geoinformationssysteme (GIS). Sie helfen bei der präzisen Planung von Wassereinzugsgebieten, der Analyse des Schwellenwertverhaltens von Böden und der Überwachung der Vegetationserholung aus dem All.
Häufig gestellte Fragen zur der Anti-Desertifikation
Anti-Desertifikation (oder Land Degradation Neutrality) umfasst alle strategischen, technischen und ökologischen Maßnahmen, die darauf abzielen, die Wüstenbildung in Trockengebieten zu stoppen und bereits zerstörte, unfruchtbare Böden wieder lebendig und produktiv zu machen.
Ein normaler Damm speichert offenes Wasser, das in heißen Regionen durch Verdunstung extrem schnell verloren geht (bis zu 2 cm pro Tag). Ein Sanddamm wird absichtlich so gebaut, dass er mit grobem Sand versandet. Das Wasser wird in den Poren des Sandes gespeichert (25-40 % Kapazität) und ist dort sicher vor der Verdunstung durch die Sonne geschützt.
Zai-Löcher sind kleine, von Hand gegrabene Vertiefungen im harten Boden, die oft mit Kompost gefüllt werden. Sie fangen das seltene Regenwasser wie kleine Becken auf. Bäume oder Nutzpflanzen, die in diese Löcher gepflanzt werden, haben eine deutlich höhere Überlebenschance.
Ein Desert Shelterbelt ist ein riesiger, künstlich angelegter Schutzgürtel (aus Bäumen, Sträuchern oder Stroh-Schachbrettnetzen), der direkt an der Grenze zu einer Wüste errichtet wird. Er soll den Wind bremsen, den Transport von Sand stoppen und so das Vordringen der Wüste in fruchtbare Gebiete verhindern.
Massive Aufforstungskampagnen scheitern oft kläglich (Erfolgsquoten von teils nur 10 %), wenn der Boden nicht vorher durch Wassermanagement (wie Gräben oder Terrassen) aufbereitet wurde. Andernfalls verdursten die teuren Setzlinge im harten Boden sofort.
Quellen und wissenschaftliche Referenzen
[1] Glotzbach, H. J. (2024). GIS und KI: Einsatzmöglichkeiten von GeoAI in der Bekämpfung von Desertifikation mit Hilfe von ArcGIS Pro. Bachelor-Thesis, Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 1 (Architektur, Bauingenieurwesen, Geomatik). Umfassende Analyse und Bewertung von Anti-Desertifikationsmaßnahmen (Diguettes, Sanddämme, Shelterbelts, Agroforstwirtschaft) und deren Anwendbarkeit im Khomashochland.
[2] UNCCD (United Nations Convention to Combat Desertification). (1994).Text of the United Nations Convention to Combat Desertification.
[3] Vereinte Nationen. (2015).Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. (A/RES/70/1). Ziel 15: Leben an Land.

